(© Melanie Vogel) Die Energiepsychologie beschreibt einen therapeutischen Ansatz, der Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung und körperorientierte Interventionen miteinander verbindet. Im Zentrum stehen zwei theoretische Grundprinzipien, die erklären sollen, wie sich emotionale Erfahrungen über den Körper organisieren und therapeutisch beeinflussen lassen. Aufbauend auf diesen Prinzipien werden Anwendungen bei chronischen Schmerzen sowie bei der Verarbeitung von Trauer beschrieben.
Erstes Prinzip: Aufmerksamkeit steuert Energie – Energie beeinflusst Erfahrung
Aufmerksamkeit ist ein Werkzeug, das stets mit einer bestimmten Absicht eingesetzt wird. Wenn wir einer Erfahrung achtsam begegnen, richten wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das Erleben mit der Intention, dieses anzunehmen und möglichst wenig automatisch darauf zu reagieren.
Aus Sicht der Energiepsychologie wirkt Aufmerksamkeit auf mehreren Ebenen. Wird die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Körperbereich gelenkt, mobilisiert das Gehirn zusätzliche neurologische Ressourcen, um mehr Informationen über den Zustand dieses Bereichs zu erfassen. Gleichzeitig werden Signale an verschiedene Hirnregionen sowie an physiologische Regulationssysteme gesendet, sofern in diesem Bereich eine Dysregulation vorliegt.
Darüber hinaus wird angenommen, dass mit der bewussten Aufmerksamkeit die energetische Aktivität im betreffenden Körperbereich zunimmt. Daraus leitet die Energiepsychologie ihr erstes Grundprinzip ab:
„Energie folgt der Aufmerksamkeit – und Erfahrung folgt der Energie.“
Nach diesem Modell erhöht eine gesteigerte energetische Aktivität die Wahrscheinlichkeit, dass körperliche oder emotionale Erfahrungen in diesem Bereich intensiver wahrgenommen werden.
Zweites Prinzip: Energie fließt zwischen verbundenen Körperbereichen
Das zweite Grundprinzip geht davon aus, dass Energie zwischen zwei miteinander verbundenen Körperbereichen fließt.
Eine solche Verbindung kann nach diesem Modell durch unterschiedliche Methoden hergestellt werden, beispielsweise durch:
- gerichtete Aufmerksamkeit
- Selbstberührung
- therapeutische Berührung
- Akupunktur
Sind zwei Körperbereiche energetisch miteinander verbunden, wird angenommen, dass sich emotionale Erfahrungen ebenfalls zwischen ihnen ausbreiten können.
In der Coaching-Praxis kann dies dadurch unterstützt werden, dass beide Körperregionen gleichzeitig in die Aufmerksamkeit einbezogen oder die Aufmerksamkeit wiederholt zwischen ihnen hin- und hergeführt wird.
Die Dynamik chronischer Schmerzen
Nach dem Modell der Energiepsychologie entwickelt sich die Aufmerksamkeit häufig dysfunktional in Körperbereichen, die mit belastenden Emotionen verbunden sind.
Typischerweise entstehen dabei zwei gegensätzliche Reaktionsmuster:
- Betroffene versuchen, den schmerzhaften oder belastenden Bereich möglichst wenig wahrzunehmen.
- Oder sie richten ihre Aufmerksamkeit dauerhaft auf diesen Bereich, in der Hoffnung, dass das unangenehme Erleben verschwindet.
Beide Strategien können dazu führen, dass die regulierende Funktion der Aufmerksamkeit eingeschränkt wird.
Gemäß dem ersten Grundprinzip erhöht eine intensive Fokussierung der Aufmerksamkeit die energetische Aktivität des betreffenden Bereichs. Dadurch können sowohl die zugrunde liegenden Emotionen als auch die körpereigenen Abwehrmechanismen verstärkt werden.
In der Folge steigen häufig:
- das subjektive Belastungserleben,
- physiologischer Stress sowie
- die körperliche Dysregulation.
Die emotionale Erfahrung wird dadurch oftmals noch schwerer erträglich.
Menschen mit chronischen Schmerzen erleben nach diesem Modell genau diesen Kreislauf: Da Schmerzen zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich ziehen, verstärkt sich mit zunehmender Fokussierung häufig auch das Schmerzerleben. Erst Schutzmechanismen des Körpers – beispielsweise eine vorübergehende Verminderung der Wahrnehmung oder emotionale Abstumpfung – können zeitweise Erleichterung verschaffen.
Der Einsatz der beiden Prinzipien bei Trauer
Die Verarbeitung von Trauer kann nach den Annahmen der Energiepsychologie durch das zweite Grundprinzip unterstützt werden.
Eine mögliche therapeutische Anleitung lautet:
Lege eine Hand auf den Herzbereich und die andere auf den Bereich der Lungen. Verbinde beide Körperregionen bewusst mit der Absicht, sie sowohl körperlich als auch emotional miteinander in Kontakt zu bringen. Beobachte, ob sich dein Trauererleben zunächst im Herzbereich entfaltet und sich anschließend vom Herzen in Richtung Lungen ausbreitet. Achte außerdem darauf, ob sich im Herzbereich allmählich mehr körperliche Leichtigkeit einstellt.
Diese Form der Anleitung gehört zur vierten Phase des sogenannten Embodiment-Prozesses: der Integration. Ein zentraler Bestandteil der Integration besteht darin, gezielt auf positive Veränderungen zu achten, beispielsweise hinsichtlich:
- der körperlichen Regulation,
- des subjektiven Energieerlebens sowie
- der Fähigkeit, belastende Gefühle auszuhalten (Affekttoleranz).
Nach dem theoretischen Modell können solche Verbesserungen als Folge einer stärkeren Verkörperung emotionaler Erfahrungen auftreten. Die Integrationsphase dient dabei zugleich als Ressource, um emotionale Prozesse während ihrer Ausweitung besser regulieren und ertragen zu können.
Somatische Übung zur Überprüfung der beiden Prinzipien
Die Energiepsychologie schlägt eine einfache Körperübung vor, mit der die beiden theoretischen Grundprinzipien subjektiv nachvollzogen werden können.
ÜBUNGSANLEITUNG
Falls du eine intensive Emotion im Brustbereich wahrnimmst:
- Lege eine Hand auf den Brustkorb und die andere auf den Bauch.
- Verbinde beide Körperbereiche bewusst mit der Absicht, sie sowohl energetisch als auch emotional miteinander in Beziehung zu bringen.
- Lenke deine Aufmerksamkeit abwechselnd zwischen Brust und Bauch oder nimm beide Bereiche gleichzeitig wahr.
- Beobachte anschließend aufmerksam mögliche Veränderungen.
REFLEXIONSFRAGEN
- Hat sich die Intensität der Emotion im Brustbereich verändert?
- Sind Merkmale der zuvor ausschließlich im Brustbereich wahrgenommenen Emotion nun auch im Bauchraum spürbar?
- Welche Veränderungen nimmst du insgesamt in deinem emotionalen und körperlichen Erleben wahr?
Fazit
Die Energiepsychologie beschreibt Aufmerksamkeit als einen aktiven therapeutischen Prozess, der nach ihrem theoretischen Modell die Verteilung von Energie und damit auch das emotionale Erleben beeinflusst. Auf dieser Grundlage werden körperorientierte Interventionen entwickelt, die insbesondere bei chronischen Schmerzen und der Verarbeitung belastender Emotionen wie Trauer eingesetzt werden.
Aus wissenschaftlicher Sicht besteht bislang jedoch kein Konsens darüber, dass die postulierten energetischen Mechanismen empirisch nachgewiesen sind. Gut untersucht sind hingegen die positiven Effekte von Achtsamkeit, interozeptiver Wahrnehmung, Berührung und körperorientierten Verfahren auf Emotionsregulation und Schmerzverarbeitung, wobei deren Wirkmechanismen überwiegend neurobiologisch und psychologisch erklärt werden.


