(© Melanie Vogel) Es gibt eine spezifische Form von Trauer, die selten thematisiert wird: jene, die in der Stille wohnt und den Betroffenen selbst kaum bewusst ist. Es ist nicht die empathische Mitbetroffenheit für das Schicksal anderer, sondern die eigene, persönliche Trauer eines Menschen, die sich über Jahre hinweg still und heimlich ansammelt.
Die Anatomie des professionellen Verlusts
Berufliche Verluste sind vielfältig und oft diffus. Sie entziehen sich häufig den gängigen klinischen Kategorien:
- Das abrupte Ende: Ein Mensch, mit dem über Jahre eine tiefe, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung bestand, kündigt. Man erfährt möglicherweise nie das „Warum“.
- Der schmerzhafte Erfolg: Ein Mensch, den man durch viele Jahre seines Arbeitslebens begleitet hat, zieht weg oder verändert sich beruflich. Man empfindet aufrichtige Freude – und bleibt doch ein wenig verwaist zurück.
- Der ultimative Verlust: Wenn ein Mitarbeiter oder Kollege verstirbt, greifen zwar diverse professionelle Protokolle, doch unter der organisatorischen Schicht bleibt die rohe, menschliche Trauer.
- Die kumulative Last: Je länger das eigene Arbeitsleben andauert, umso mehr sammeln sich solche Ereignisse im – meist unbewussten – Gedächtnis an. Unverarbeitet, weil man früh beginnt, aufgrund fehlender Anlaufstellen, eine vorsichtige Distanz zur eigenen Traurigkeit zu wahren.
Die Gefahr der Erstarrung
In einer „trauer-phobischen“ Gesellschaft manifestiert sich der Drang, schwierige Gefühle zu betäuben, oft in Verleugnung, Dissoziation oder Eskapismus. Linda Thai, eine Expertin auf diesem Gebiet, betont, dass die Unfähigkeit zu trauern uns daran hindert, wieder vollends in das „Land der Lebendigen“ zurückzukehren – dorthin, wo wir das Risiko eingehen, zu lieben und Sinnhaftigkeit zu empfinden.
Im beruflichen Kontext, vor allem für Führungskräfte oder auch für Menschen in helfenden Berufen, ist dies kritisch: Wenn wir unsere professionellen Verluste nicht betrauern können, verlieren wir langsam den Zugang zu genau der Lebendigkeit, die uns effektiv macht. Wärme, Neugier und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, sind keine optionalen „Soft Skills“, sondern der Kern unserer Wirksamkeit.
Individuelle, kollektive und ahnenbezogene Trauer
Insbesondere Therapeuten und Coaches halten nicht nur ihre eigenen Verluste, sondern sie sitzen täglich in der kumulierten Trauer ihrer Klienten, ihrer Familien und deren Geschichten. Oft leisten sie, bewusst oder unbewusst, kollektive Trauerarbeit. Linda Thai unterscheidet hierbei zwischen persönlichen Verlusten und kollektiver sowie ancestraler (ahnenbezogener) Trauer. Der Verlust von Kultur, Ökosystemen oder Gemeinschaft braucht ebenfalls einen Raum, um betrauert zu werden – doch für diese immense Last fehlen geeignete Anlaufstellen.
Wege der Heilung: Den Körper einbeziehen
Die Verarbeitung der Trauer beginnt im Körper, noch bevor die kognitive Aufarbeitung einsetzt. Trauer äußert sich physisch: als Enge in der Brust, als Erschöpfung, die durch Schlaf nicht vergeht, oder als angehaltener Atem.
Zur Integration können verschiedene Ansätze helfen:
- Ritualisierung: Das japanische Konzept des Kuyo bietet Zeremonien an, um Enden zu ehren – auch professionelle.
- Somatische Arbeit: Bewegung, Atem und Klang können helfen, die Erstarrung der Trauer zu transformieren. Diese nutze ich z.B. in meiner Coaching-Arbeit oder auch im Rahmen von “Emotional Freedom Yoga” – einer Yoga-Praxis, die mit Bewegung, Atem und Stimme arbeitet, um im Körper gespeicherte Emotionen zu lösen.
- Austausch: Das Gespräch mit vertrauten Menschen oder Coaches, die trauer- und tramainformiert arbeiten, denn Trauer will gesehen und gewürdigt werden
Fazit
Die Fähigkeit zu trauern ist keine Schwäche. Sie ist eine Form der Meisterschaft, sich von Menschen aufrichtig bewegen und berühren zu lassen. Es ist an der Zeit, dass wir eine Sprache für jene Menschen finden, die uns tief bewegt haben, und für jene Enden, die zu schnell kamen.



















































